„Yours is a society that cannot accept 10000 dead in one battle“ – Saddam Husseins berühmte Fehleinschätzung vor dem Beginn des ersten Golfkriegs dient als Einstieg in ein faszinierendes Lehrbuch über die Cyberstrategien der drei Großmächte USA, China und Russland (Reihung aus dem Buch übernommen).
Eine – für eine amerikanische Autorin überraschend neutrale – Gegenüberstellung der Militärdoktrinen der USA und der irakischen Armee unterstreicht im zweiten Kapitel die Rolle und Wichtigkeit von Cyber- und Informationstechnologien selbst in klassischen Landkriegen wie der Operation „Desert Storm“. Insbesondere militärisch wenig erfahrene Personen sind überrascht, dass diese Gefechte die Militärdoktrin der chinesischen Volksbefreiungsarmee stark beeinflusst haben.
Jeder Krieg – Carlton Meyers Klassiker „The Spectrum of Future Warfare“ lässt grüßen – setzt die Mithilfe der Zivilisten voraus. Als Amerikanerin hat die Autorin wenig Einblick in das mentale Spektrum von russischen und chinesischen Zivilisten, weshalb das dritte Kapitel für Personen mit lokalen Kontakten mitunter lustig wirkt. Dieser Trend wird sich im Rest des Buchs fortsetzen.
Amerika im Fokus
Die zweite Kapitelgruppe setzt sich mit den Vereinigten Staaten von Amerika auseinander. Als Einleitung dient ein Rückblick auf die Motivlage, die die Amerikaner zur Fokussierung auf Computertechnik brachte – es ging um Artillerietabellen, die Feldoffizieren das Berechnen der optimalen Schussparameter ermöglichten. Ein Schwenk über ENIAC und Co. führt dann zum Film „War Games“, der Umdenken in Bezug auf die Cybersicherheitspolitik auslöste.
Besonders interessant empfand der Rezensent die legistischen Überlegungen, die die Cybersicherheitsrechtslage in den USA historisch motivieren. Auch computersicherheitstechnische Breakthroughs wie der Report des IT-Sicherheitsunternehmens Mandiant und die von ihm ausgelösten legistischen Bewegungen kommen zur Sprache.
Mindestens ebenso packend sind die Geschichten über die Entstehung der Cybersicherheitsorganisationen in den USA. Aus dem US-Hintergrund der Autorin folgt, dass sie die eine oder andere Geschichte, nicht nur aus dem ersten Golfkrieg, zum Besten zu geben weiß.
Der fokussierte Kapitalismus der USA – sicherlich Ursache für die wirtschaftliche und militärische Leistungsfähigkeit des Landes – führt im Bereich der Regulierung von Privatsphäre zu Fragestellungen, die das Werk präsentiert.
Lobenswert sind die Kapitel, die auf die Wahlen und Angriffsvektoren gegen ebendiese eingehen. Aufgrund der Menge der präsentierten Informationen ist es verzeihbar, dass die Autorin – faktisch falsch – Republikaner als „Instigatoren der sozialen Teilung“ alleinschuldig darstellt. Dieser Trend der mangelnden politischen Unabhängigkeit wird sich im Rest des Buchs fortsetzen.
Themen wie der Patriot Act und die Geschichte um die Crypto AG werden mit historisch im Allgemeinen korrektem Hintergrund präsentiert.
Die Abrundung des Sektors zu den USA erfolgt durch eine Besprechung von Cyber-Angriffen und Cyber-Abwehrmaßnahmen, die die US-Regierung im Laufe der letzten Jahre mehr oder weniger erfolgreich durchgeführt hat.
Hadern mit dem Verständnis des Reichs der Mitte
Der britische Aeronautik-Offizier Sir Sydney Camm ist für seinen Spruch über die BAC TSR.2 bekannt. Seiner Meinung nach hat ein Flugzeug die vier Dimensionen Flügelspannweite, Länge, Höhe und Politik; sein Projekt traf die ersten drei Parameter korrekt.
Ähnliches findet sich im Abschnitt zur Volksrepublik China. Auf rund einem Drittel des Buchs präsentiert die Autorin „ihre Sicht der Dinge in Bezug auf China“. An der aktuellen und historischen Darstellung gibt es für den Rezensenten wenig zu kritisieren. Mangelhaft empfindet man als mit China-Erfahrung gesegnete Person die von der Autorin aus den Informationen gezogenen Schlüsse.
Paternalistisch sieht Mellen den Chinesen als der Spionage durch seine Regierung schutzlos ausgeliefertes Individuum. Unverständlich scheint für die Autorin zu sein, dass der Asiate die Beziehung zum Regenten anders sieht. Der Rezensent möchte dies anhand einer Anekdote illustrieren. Zufällig sprach er mit dem asiatischen Ehemann einer ehemaligen Schülerin, der sich aufgrund von Herzproblemen eine Smartwatch zulegte. Vonseiten seiner Krankenversicherung wurde angeboten, Herzdaten direkt zur Analyse senden zu lassen. Für den Asiaten war dieser Eingriff in seine Privatsphäre die natürlichste Sache der Welt – so könne der Kardiologe schneller reagieren, wenn der Herztod naht.
Wenn man dies beim Lesen im Hinterkopf behält, bleibt der Abschnitt zur Volksrepublik China relevant: Die Autorin präsentiert verschiedenste Lehrbücher, die der Interessierte separat erwerben kann, um tiefergehendes Verständnis der chinesischen Online-, aber auch der Cyber-Gefechtsdoktrin zu erhalten. Beachtenswert ist die Aufregung über potenzielle chinesische Hintertüren – wenige Seiten vorher beschrieb die Autorin die bewiesenen Vorfälle um Crypto AG und Clipper-Chip. Andererseits sind die historischen Ausführungen, beispielsweise zum „Jahrhundert der Schande“, gelungen und durchaus lesenswert.
Europa: Fehlanzeige
Die Eigenwilligkeiten im Bereich des kulturellen Verständnisses von China lassen den Abschnitt zur Russischen Föderation in einem seltsamen Licht erscheinen. Im Interesse der didaktischen Ehrlichkeit muss der Rezensent anmerken, dass er zwar einige Jahre in der Slowakei gelebt hat, aber keinerlei Beziehungen zur Russischen Föderation unterhält oder unterhielt. Die Interpretationen sind für ihn somit weder verifizierbar noch falsifizierbar – historische Fehler unterliefen der Autorin auf jeden Fall nicht.
Interessant ist indes, dass sich im Abschnitt zur Russischen Föderation – auf Seite 300 des Buchs – die erste nennenswerte Erwähnung von Europäern findet. Es werden die Abenteuer von Markus Hess und Karl Koch [1] thematisiert. Im letzten Abschnitt zur Zukunft finden sich keine nennenswerten weiteren Erwähnungen von Europa. Stattdessen spendiert die Autorin ein wenig politische Propaganda der Democratic Party der USA.

Autorin: Allie Mellen
Titel: Code War: How Nations Hack, Spy, and Shape the Digital Battlefield
Seiten: 304
Verlag: John Wiley & Sons Inc
ISBN: 978-1394285570
Sprache: Englisch
Fazit
„Code Wars“ ermöglicht tiefergehenden Einblick in die Denkweise der amerikanischen Regierung und des militärisch-industriellen Komplexes. Die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, die Analysen der Volksrepublik China und der Russischen Föderation sowie die Nichterwähnung der EU sind wertvolle und umsetzbare Informationen. Außerdem enthält das Buch jede Menge historische Informationen, die den Text zum Nebenbei-Lesen oder als Futter für den Gabentisch geradezu prädestiniert erscheinen lassen.