Vor ein paar Wochen saß ich im Wartezimmer beim Arzt. Ohne Smartphone. Vergessen. Die anderen starrten alle auf ihre Bildschirme, scrollten, tippten, wischten. Ich saß da und ... ja, was eigentlich? Ich schaute aus dem Fenster. Beobachtete den Schnee. Und nach ein paar Minuten passierte etwas: Ich hatte einen interessanten Gedanken. Meinen eigenen. Nicht das hektische Springen von Ablenkung zu Ablenkung, dass wir aus dem Alltag kennen. Sondern ein ruhiges Fließen. Plötzlich entwickelte sich daraus eine Idee für ein Problem bei einem Kunden, bei dem ich seit Wochen feststeckte. Einfach so. Aus dem Nichts. Oder besser: aus der Leere.
Der Feind heißt Langeweile
Wir haben der Langeweile den Krieg erklärt. Und wir gewinnen. Überall. Jede Sekunde Leerlauf wird sofort gefüllt. An der Bushaltestelle. Auf der Toilette. Im Aufzug. Zwischen zwei Meetings: Schnell noch Mails checken. Beim Warten auf den Build: LinkedIn scrollen. Abends auf der Couch: Netflix im Hintergrund, während wir auf dem Tablet surfen und nebenbei WhatsApp-Nachrichten beantworten.
Wir sind Weltmeister im Beschäftigt-Sein geworden. Oder zumindest im Beschäftigt-Wirken. Denn: Wir sind zwar beschäftigt. Aber produktiver? Kreativer? Glücklicher?
Nein. Wir sind erschöpfter. Überstimulierter. Und paradoxerweise ideenärmer.
Ja und mit ChatGPT und Co. wirds gleich noch mal eine Runde schlimmer.
Das Gehirn im Leerlauf
Die Neurowissenschaft hat einen wunderbaren Begriff: das Default Mode Network (DMN). Das ist der Teil unseres Gehirns, der aktiv wird, wenn wir nichts Bestimmtes tun. Wenn wir tagträumen, aus dem Fenster starren, gedankenverloren spazieren gehen. Lange dachte man, das sei verschwendete Zeit. Heute wissen wir: Genau in diesen Momenten passiert Wesentliches. Das DMN verknüpft Erfahrungen, sortiert Eindrücke, entwickelt kreative Lösungen. Es ist quasi unser interner Innovationsinkubator.
Aber dieser Inkubator braucht Ruhe. Er braucht Leere. Er braucht Langeweile.
Und genau die gönnen wir ihm nicht mehr. Wir füttern unser Gehirn mit einem Dauerstrom an Reizen, Notifications, Podcasts, Content. Kein Wunder, dass uns die großen Ideen ausgehen und wir stattdessen im Klein-Klein des Tagesgeschäfts versinken.
Agil, aber ausgebrannt
Ich sehe das in vielen Teams, mit denen ich arbeite. Da wird von Sprint zu Sprint gehetzt. Retros werden durchgepeitscht, weil schon das nächste Planning wartet. Zwischen den Meetings ist keine Luft zum Atmen. Von einem Teams-Call in den nächsten. Jeder Slot im Kalender ist verplant. Und wenn mal eine Stunde frei ist, wird sie sofort mit „produktiven“ Tätigkeiten gefüllt.
Das Ergebnis? Müde Teams. Ausgelaugte Entwickler. Gestresste Tester.
Meine persönliche Langeweile-Praxis
Ich habe mir über die Jahre ein paar Rituale erarbeitet, um meine Langeweile zu pflegen:
- Warten ohne Ablenkung: an der Kasse, Bushaltestelle, beim Arzt. Einfach mal nichts tun und nur schauen.
- Joggen und Sport: Ich habe früher immer Podcasts gehört beim Laufen. Um die Zeit zu „nutzen“. Jetzt laufe ich ohne AirPods. Dafür nehme ich mir eine Frage mit auf die Laufrunde.
- Silent Driving: Im Auto ohne Hörbuch und Autoradio.
- Puffer im Kalender: Meetings mache ich eh nur am Nachmittag. Vormittags ist Deep Work & Ruhe angesagt.
Der Mut zur Leere
Ja, das klingt nach Luxus. Wer hat schon Zeit für Langeweile? Die Backlogs sind voll, die Deadlines drücken, Chefs wollen Ergebnisse. Aber genau das ist der Denkfehler. Vielleicht ist die Leere keine verschwendete Zeit, sondern eine Investition. In Kreativität. In Problemlösungskompetenz. In unsere geistige Gesundheit. Die besten Ideen meines Lebens hatte ich in solchen Momenten.
Also: Einfach mal ausprobieren. Smartphone weglegen. Browser-Tabs schließen und Hintergrundmusik ausmachen. 3-mal Durchatmen und einfach mal aus dem Fenster schauen.
Und wer weiß, vielleicht wartet da schon die Lösung für das hartnäckigstes Problem.
Viele Grüße
Richard Seidl