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Editorial 20 Jahre BI-Spektrum

Business Intelligence begann als Infrastruktur, wurde zum Werkzeug und ist heute eine Frage der unternehmerischen Haltung.

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Carsten Felden

Geschäftsführer


  • 11.06.2026
  • Lesezeit: 6 Minuten
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Liebe Leser und Leserinnen,

als die Zeitschrift „BI-Spektrum“ 2006, also vor zwanzig Jahren, an den Start ging, war die Welt der Daten eine andere. Daten galten als Nebenprodukt operativer Systeme, ihre Auswertung als technische Disziplin. Wer Business Intelligence betrieb, dachte in ETL-Strecken, Datenmodellen und Ladefenstern, nicht in Entscheidungen, Wirkung oder gar Wettbewerbsvorteilen. Heute, zwei Jahrzehnte später, ist aus genau diesem Themenfeld eine der zentralen Fähigkeiten moderner Organisationen geworden. Die Geschichte von BI-Spektrum ist damit auch die Geschichte einer Disziplin, die sich immer wieder neu erfindet.

In den frühen Jahren (2005–2010) ging es vor allem darum, Ordnung zu schaffen. Daten waren über unterschiedliche Systeme verteilt, inkonsistent und schwer zugänglich. Data Warehouses wurden aufgebaut, um eine „Single Source of Truth“ zu etablieren. BI war Infrastrukturarbeit im besten Sinne: notwendig, komplex, aber oft unsichtbar für das Business. Themen wie Datenintegration, Datenqualität und Reporting dominierten. Mit ihnen wuchs aber auch die Hoffnung, durch Struktur endlich Transparenz zu gewinnen.

Mit der Zeit rückte das Business näher an die Daten heran (2010–2015). Self-Service-BI versprach, die Abhängigkeit von zentralen IT-Einheiten zu reduzieren und Fachbereiche zu befähigen, eigene Analysen durchzuführen. Visualisierung wurde zum Schlüssel, um Daten verständlich zu machen. Gleichzeitig entstand ein Spannungsfeld, das bis heute fortwirkt: Wie viel Freiheit verträgt die Nutzung von Daten, ohne dass Verlässlichkeit verloren geht? Data Governance entwickelte sich in dieser Phase vom Randthema zu einer zentralen Fragestellung.

Dann kam die Welle (2015–2018), die vieles infrage stellte: Big Data. Neue Technologien, neue Architekturen, neue Möglichkeiten verbunden mit neuen Unsicherheiten. Plötzlich ging es nicht mehr nur um strukturierte Unternehmensdaten, sondern um große, heterogene und oft unklare Datenmengen. Die zentrale Frage lautete nicht mehr nur: „Was ist passiert?“, sondern zunehmend: „Was könnten wir noch wissen?“ Die Euphorie war groß – die Antworten leider nicht immer.

Der eigentliche Wendepunkt folgte mit der Etablierung von Data & Analytics als eigenständigem Handlungsfeld (2018–2021). Business Intelligence wurde Teil eines größeren Ganzen. Data Science, Machine Learning und Advanced Analytics erweiterten das Themengebiet und verschoben den Fokus endgültig von der reinen Informationsbereitstellung hin zur Entscheidungsunterstützung. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Technologie allein keinen Mehrwert erzeugt. Organisation, Prozesse und Kompetenzen rückten in den Mittelpunkt. Rollen wie Data Scientist oder Data Engineer entstanden, aber ebenso wichtig wurde die Frage: Wer übernimmt eigentlich die Verantwortung für Daten?

BI war Infrastrukturarbeit im besten Sinne: notwendig, komplex, aber oft unsichtbar für das Business.

Mit der Cloud änderte sich schließlich nicht nur die Technologie, sondern das Denken über Architektur (2020–2023). Plattformen ersetzten monolithische Systeme, Daten wurden skalierbar verfügbar, und neue Konzepte wie Lakehouse, Data Mesh oder Data Catalog hielten Einzug. In dieser Phase begann sich ein Gedanke durchzusetzen, der heute prägend ist: Daten sind nicht nur ein Nebenprodukt, sondern ein eigenständiges Gut. Die Idee von Data Products und Data Marketplaces steht sinnbildlich für diesen Wandel.

Business Intelligence hat sich von einer technischen Disziplin zu einer strategischen Fähigkeit entwickelt.

Seit dem Erscheinen von ChatGPT 2022 sprechen wir über Künstliche Intelligenz, über generative Modelle, über automatisierte Analysen. Doch bei aller technologischen Dynamik hat sich der Fokus erneut verschoben: Es geht nicht mehr nur darum, was möglich ist, sondern darum, was sinnvoll, verantwortbar und nachhaltig ist. Themen wie Datensouveränität, Vertrauen, Governance und Ethik sind 2026 keine Randaspekte mehr, sondern zentrale Voraussetzungen für den Einsatz von Analytics und KI.

Über die Jahre hinweg lässt sich eine klare Entwicklungslinie erkennen: Business Intelligence hat sich von einer technischen Disziplin zu einer strategischen Fähigkeit entwickelt. Es geht längst nicht mehr nur um Daten, sondern um Entscheidungen. Nicht mehr nur um Systeme, sondern um Wertbeiträge. Und nicht mehr nur um Effizienz, sondern um Wirkung.

Die BI-Spektrum hat diesen Weg nicht nur begleitet, sondern mitgestaltet. Die Zeitschrift war immer dann besonders stark, wenn sie technologische Entwicklungen mit praktischen Fragestellungen verbunden hat. Wenn sie nicht nur das „Wie“, sondern auch das „Warum“ adressiert hat. Gerade in einer Zeit, in der sich Trends schneller abwechseln als je zuvor, bleibt diese Rolle entscheidend: Orientierung zu geben, ohne zu vereinfachen. Einzuordnen, ohne zu relativieren.

In dieser Phase begann sich ein Gedanke durchzusetzen, der heute prägend ist: Daten sind nicht nur ein Nebenprodukt, sondern ein eigenständiges Gut.

Ein Blick nach vorn zeigt, dass diese Entwicklung keineswegs an Dynamik verliert. Im Gegenteil: Studien von Gartner und Forrester zeichnen ein Bild, in dem Data & Analytics bis 2030 noch stärker in den operativen Kern von Unternehmen vordringen wird. Analytics wird zunehmend unsichtbar, da es sich in Prozesse, Anwendungen und Entscheidungen einbettet und dabei sowohl automatisiert als auch in Echtzeit ausgeführt wird. Stichworte wie Decision Intelligence, Augmented Analytics und Multiagentensysteme stehen dabei für eine nächste Evolutionsstufe, in der nicht mehr der Mensch aktiv analysiert, sondern Systeme Handlungsempfehlungen generieren oder direkt umsetzen.

Gleichzeitig entstand ein Spannungsfeld, das bis heute fortwirkt: Wie viel Freiheit verträgt die Nutzung von Daten, ohne dass Verlässlichkeit verloren geht?

Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus weiter von der Technologie hin zur Steuerungsfähigkeit von Organisationen. Data Products, Data Contracts und domänenorientierte Architekturen werden nicht nur technische Konzepte bleiben, sondern zu organisatorischen Leitplanken für die Wertschöpfung mit Daten werden. Unternehmen werden sich daran messen lassen müssen, wie schnell und wie verantwortungsvoll sie aus Daten belastbare Entscheidungen ableiten.

Hinzu kommt die Entwicklung der Industrialisierung von Analytics, die bereits begonnen hat. Plattformen werden standardisiert, Prozesse automatisiert, und Rollenprofile verändern sich grundlegend. Der klassische Analyst wird ergänzt durch hybride Profile, die Fachlichkeit, Datenverständnis und KI-Kompetenz verbinden. Gleichzeitig wird Governance nicht weniger, sondern mehr – dies allerdings intelligenter, stärker integriert und zunehmend automatisiert.

Bis 2030 wird sich damit entscheiden, welche Organisationen Daten tatsächlich als Produktionsfaktor begreifen und welche weiterhin versuchen, sie lediglich zu verwalten. Die zentrale Frage wird nicht mehr sein, ob Daten genutzt werden, sondern wie konsequent, wie schnell und mit welchem Verantwortungsbewusstsein dies geschieht.

Nach zwanzig Jahren ist klar: Die Reise ist nicht zu Ende, im Gegenteil. Die Herausforderungen werden größer, die Erwartungen höher, die Möglichkeiten vielfältiger. Doch vielleicht liegt genau darin die eigentliche Konstante dieser Disziplin: Sie verändert sich ständig, weil sich die Welt verändert und digitalisiert, und dabei ist die BI-Spektrum eine verlässliche Begleitung, die echte lessons learned aus und für die Community bietet.

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Ihr Prof. Dr. Carsten Felden

Herausgeber der BI-SPEKTRUM

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Carsten Felden

Geschäftsführer
Zu Inhalten

Prof. Dr. Carsten Felden ist Vorstandsvorsitzender des TDWI e.V. In Forschung und Lehre vertritt er als Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg Themen wie Business Analytics, Data Warehousing, XBRL und BI-Reifegradmodelle im Kontext von Digitalisierungsansätzen in Unternehmen.


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